Internationale Studierende, deren Studium ganz oder überwiegend online stattfindet, sehen sich zunehmend mit der Ablehnung ihrer Verlängerungsanträge oder dem Widerruf ihrer Aufenthaltserlaubnis konfrontiert. Die Ausländerbehörden stellen dabei in Frage, ob ein solches Studium noch ein Vollzeitstudium im Sinne des § 16b AufenthG ist, für das ein Aufenthalt in Deutschland erforderlich ist. Die Berliner Verwaltungsgerichte haben sich seit Ende 2025 wiederholt mit dieser Frage befasst und sie bislang nicht einheitlich beantwortet.
Für Betroffene bedeutet das: Ein ablehnender Bescheid ist nicht zwangsläufig rechtmäßig. Er ist aber in der Regel sofort vollziehbar, und die Frist für Rechtsbehelfe beträgt nur einen Monat. Schlun & Elseven prüft Ablehnungs- und Widerrufsbescheide, beantragt bei Bedarf Eilrechtsschutz beim Verwaltungsgericht und berät zu Alternativen wie dem Wechsel in einen Präsenzstudiengang. Lassen Sie Ihren Bescheid prüfen, bevor die Frist abläuft.
Studentenvisum: Was verlangt das Gesetz?
Die Aufenthaltserlaubnis zu Studienzwecken richtet sich nach § 16b AufenthG. Hierbei handelt es sich um eine gebundene Entscheidung. Das heißt: Wenn die entsprechenden Voraussetzungen vorliegen, haben die Antragsteller einen Anspruch auf die Erteilung der Aufenthaltserlaubnis.
Neben den allgemeinen Erteilungsvoraussetzungen des § 5 AufenthG muss auch die Studienzulassung an einer Hochschuleinrichtung nachgewiesen werden. Zudem dürfen keine Ablehnungsgründe aus § 19f Abs. 1, 3 und 4 AufenthG vorliegen. Zusätzlich prüft die Behörde, ob der Aufenthalt in Deutschland tatsächlich dem Studium dient. Hauptzweck des Aufenthalts muss ein Vollzeitstudium an einer staatlichen oder staatlich anerkannten Hochschule oder einer vergleichbaren Bildungseinrichtung sein.
Warum stufen Behörden das Fernstudium vermehrt als „nicht aufenthaltsbezogen“ ein?
Viele Fernstudierende sind an einer Hochschule in Deutschland eingeschrieben und leben hier, nehmen aber kaum am Präsenzbetrieb auf dem Campus teil, weil ihr Studium überwiegend online stattfindet. Die Ausländerbehörden stellen deshalb zunehmend die Frage, ob ein solches Studium noch dem Zweck einer Aufenthaltserlaubnis zum Studium entspricht.
§ 16b Abs. 1 Satz 1 AufenthG verlangt eine Zweckverknüpfung: Die Aufenthaltserlaubnis wird „zum Zweck des Vollzeitstudiums“ erteilt. Präsenzpflichten regelt die Vorschrift nicht ausdrücklich. Umstritten ist daher, ob die Erteilung zusätzlich voraussetzt, dass der Aufenthalt in Deutschland für das Studium tatsächlich erforderlich ist. Aus der Formulierung „zum Zweck“ wird teilweise abgeleitet, dass erst der Besuch der Bildungseinrichtung und nicht schon die bloße Zulassung den Aufenthalt legitimiert.
Wie das Landesamt für Einwanderung Berlin derzeit vorgeht, hat der Berliner Senat im Januar 2026 offengelegt. Bis zum 25. Januar 2026 fanden danach 665 Anhörungen statt. Es ergingen knapp 200 ablehnende Bescheide, gegen die 173 Klagen oder Eilanträge gestellt wurden. Zugleich erhalten Studierende in Online-Studiengängen, die die allgemeinen Erteilungsvoraussetzungen erfüllen und deren bisherige Studienfortschritte einen erfolgreichen Abschluss erwarten lassen, nach Angaben des Senats bis auf weiteres eine Fiktionsbescheinigung, wenigstens bis zur obergerichtlichen Klärung der Rechtsfrage (Drucksache 19/24882 des Abgeordnetenhauses Berlin). Bei erheblich überhöhten Studiengebühren verlangt das Landesamt zudem einen konkreten Nachweis, dass Lebensunterhalt und Gebühren gesichert sind.
Die Auffassung des VG Berlin: Präsenzpflicht erforderlich
Das Verwaltungsgericht Berlin hat in einem Urteil (Az. VG 11 K 175/25) entschieden, dass ein vollständig oder weit überwiegend online angebotenes Studium die Voraussetzungen des § 16b Abs. 1 Satz 1 AufenthG nicht erfüllt, selbst wenn der Studienplan dem Pensum eines Vollzeitstudiums entspricht. Nach Auffassung der Kammer fehlt es ohne verbindliche Präsenzpflichten an der Erforderlichkeit des Aufenthalts in Deutschland. Finden lediglich Prüfungen oder einzelne Blockveranstaltungen in Präsenz statt, reiche hierfür in der Regel ein Schengen-Visum nach § 6 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG aus.
Folgt eine Ausländerbehörde dieser Auffassung, müssen Studierende darlegen, dass ihr Studium Präsenzpflichten vorsieht, die sich mit Kurzaufenthalten nicht erfüllen lassen. Empfohlene, aber nicht verpflichtende Veranstaltungen genügen danach nicht.
Die Gegenposition: OVG Berlin-Brandenburg und weitere Kammern des VG Berlin
Im selben Verfahren hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg (Az. OVG 12 S 52/25) die aufschiebende Wirkung der Klage angeordnet und die Erfolgsaussichten in der Hauptsache als offen bewertet. Das Gericht hält es zwar für naheliegend, dass § 16b AufenthG einen Aufenthalt gerade zur Absolvierung des Studiums voraussetzt. Eine zwingende Präsenzpflicht in der Studienordnung wirft nach seiner Auffassung aber Fragen der Verhältnismäßigkeit auf, weil sie in die Berufswahlfreiheit der Studierenden eingreift.
Eine andere Kammer des VG Berlin hat mit Beschluss vom 20. März 2026 (Az. VG 24 L 1/26) entgegen dem Urteil der 11. Kammer entschieden, dass die Aufenthaltserlaubnis nach § 16b Abs. 1 Satz 1 AufenthG nicht voraussetzt, dass die Teilnahme an Präsenzveranstaltungen in der Studienordnung zwingend und sanktionsbewehrt vorgeschrieben ist. Höchstrichterlich ist die Frage nicht geklärt. Ob ein ablehnender Bescheid Bestand hat, hängt deshalb stark vom konkreten Studienkonzept und vom zuständigen Gericht ab.
Was gilt bei Ablehnung der Verlängerung oder Widerruf?
In der Praxis ist meist nicht der Widerruf das Problem, sondern die Ablehnung eines Verlängerungsantrags. Bis zur Entscheidung über einen rechtzeitig gestellten Antrag gilt die bisherige Aufenthaltserlaubnis fort. Die Behörde bescheinigt dies mit einer Fiktionsbescheinigung während des Verlängerungsverfahrens. Gegen die Ablehnung haben Widerspruch und Klage nach § 84 Abs. 1 Nr. 1 AufenthG keine aufschiebende Wirkung. Wer bis zur gerichtlichen Klärung in Deutschland bleiben möchte, muss deshalb zusätzlich einen Eilantrag beim Verwaltungsgericht stellen. Die Frist für Widerspruch oder Klage beträgt einen Monat ab Bekanntgabe des Bescheids bzw. ab Zustellung des Widerspruchsbescheids (§ 74 Abs. 1 VwGO).
Eine bereits erteilte Aufenthaltserlaubnis kann nach § 52 Abs. 3 Satz 1 Nr. 3 AufenthG widerrufen werden, wenn die Voraussetzungen des § 16b Abs. 1 AufenthG nicht mehr vorliegen. Ob das bei einem Fernstudium der Fall ist, ist nach den Entscheidungen von 2026 offen. Zudem steht der Widerruf im Ermessen der Ausländerbehörde. Wichtig ist: Widerspruch und Klage lassen die Wirksamkeit eines Widerrufs nach § 84 Abs. 2 Satz 1 AufenthG unberührt. Für die Ausübung einer Erwerbstätigkeit gilt der Titel allerdings fort, solange die Rechtsbehelfsfrist läuft oder der Rechtsbehelf aufschiebende Wirkung hat (§ 84 Abs. 2 Satz 2 AufenthG). Wird der Widerruf später aufgehoben, gilt der Aufenthalt als ununterbrochen rechtmäßig (§ 84 Abs. 2 Satz 3 AufenthG).
Nach Auffassung des VG Berlin begründet ein bereits erteilter Aufenthaltstitel keinen Vertrauensschutz dahin, dass das Studium dauerhaft als Studium im Sinne des § 16b AufenthG anerkannt ist, weil sich Studienkonzepte im Laufe der Zeit ändern können. Hat die Hochschule das Studium umgestellt, ohne dass Studierende dies zu vertreten haben, ist ihnen vor einem Widerruf oder einer nachträglichen Verkürzung nach § 16b Abs. 6 AufenthG für bis zu neun Monate Gelegenheit zu geben, die Zulassung bei einer anderen Bildungseinrichtung zu beantragen.
Was können betroffene Studierende tun?
Internationale Studierende sollten sich rechtzeitig um ihre bildungsbezogene Planung in Deutschland kümmern und ihre Handlungsoptionen prüfen.
Rechtliche Beratung sollte auf jeden Fall dann in Betracht gezogen werden, wenn
- der Aufenthaltstitel abgelehnt oder widerrufen wurde,
- eine Abschiebungsandrohung ausgesprochen wurde,
- kurze Fristen gesetzt wurden
- oder eine Studiumsumstellung – ob von der Hochschule oder von einem selbst – geplant ist.
In vielen Fällen entscheidet die Darlegung des konkreten Studienkonzepts: Studienordnung, Modulhandbuch, Nachweise über verpflichtende und tatsächlich besuchte Präsenzveranstaltungen sowie eine Bestätigung der Hochschule zum Präsenzanteil. Lässt sich das Studium nicht in einer aufenthaltsrechtlich tragfähigen Form fortsetzen, kommen ein Wechsel in einen Präsenz- oder Hybridstudiengang, ein Hochschulwechsel oder ein Wechsel in einen anderen Aufenthaltstitel nach dem Studienabbruch in Betracht. Die Anwälte von Schlun & Elseven prüfen in diesen Fällen den Bescheid, leiten bei Bedarf einen Eilantrag oder eine Klage ein und klären, welche Nachweise die Ausländerbehörde oder das Gericht überzeugen können.
Schlun & Elseven: Ihre Unterstützung bei Studentenvisum und Fernstudium
Die Praxisgruppe Ausländer- und Aufenthaltsrecht von Schlun & Elseven prüft zunächst, welche Entscheidung die Ausländerbehörde getroffen hat und welche Frist läuft. Auf dieser Grundlage bewerten wir das Studienkonzept anhand der aktuellen Rechtsprechung und entscheiden mit Ihnen, ob ein Eilantrag, ein Rechtsbehelf in der Hauptsache oder ein Wechsel des Studiengangs der sinnvollere Weg ist. Die Beratung ist auf Deutsch und Englisch möglich. Kontaktieren sie uns für eine erste Einschätzung zu Ihren Handlungsoptionen.
Ob ein Fernstudium aufenthaltsrechtlich trägt, lässt sich nicht am Etikett ‚online‘ oder ‚Präsenz‘ ablesen. Entscheidend ist, was Studienordnung und tatsächlicher Studienalltag verlangen. Deshalb prüfen wir in diesen Verfahren zuerst das Studienkonzept und erst dann die Argumente gegen den Bescheid.
Auf einen Blick: Häufig gestellte Fragen zu Studentenvisum und Fernstudium
Das ist umstritten. Das VG Berlin hat ein vollständig oder weit überwiegend online angebotenes Studium nicht ausreichen lassen, während das OVG Berlin-Brandenburg die Frage im März 2026 als offen bewertet und eine andere Kammer des VG Berlin keine zwingende Präsenzpflicht verlangt hat. Maßgeblich ist das konkrete Studienkonzept, das anwaltlich geprüft werden sollte.
Nicht automatisch. Rechtsbehelfe gegen die Ablehnung einer Verlängerung haben keine aufschiebende Wirkung. Um bis zur gerichtlichen Entscheidung bleiben zu können, ist zusätzlich ein Eilantrag beim Verwaltungsgericht erforderlich. Die Frist für Widerspruch oder Klage beträgt einen Monat.
Haben Studierende die Umstellung nicht zu vertreten, ist ihnen vor einem Widerruf oder einer Verkürzung der Aufenthaltserlaubnis für bis zu neun Monate Gelegenheit zu geben, die Zulassung an einer anderen Bildungseinrichtung zu beantragen. Ob diese Regel im Einzelfall greift, prüft Schlun & Elseven anhand Ihrer Unterlagen.

Praxisgruppe für Ausländer- und Aufenthaltsrecht


















